Kohlenhydrate im Hundefutter: unterschätzt, missverstanden und eigentlich ziemlich clever
Ich höre es in der Ernährungsberatung, in Foren, in Podcasts, bei Hundeseminaren: Kohlenhydrate machen Hunde dick. Trockenfutter trägt Schuld an der Übergewichtswelle. Wer seinen Hund wirklich gut ernähren will, setzt auf Protein. Viel davon. Kohlenhydrate dagegen? Überflüssig. Unnatürlich. Irgendwie verdächtig.
Als Ernährungsberaterin sehe ich das anders. Nicht weil ich Kohlenhydrate um jeden Preis in Schutz nehmen will, sondern weil die Vereinfachung dahinter echte Konsequenzen hat. Für die Gesundheit von Hunden. Besonders im Alter.
Ich möchte hier aufklären. Was Kohlenhydrate im Hundekörper tatsächlich tun. Warum nicht essenziell nicht dasselbe ist wie nutzlos. Und was Hunde wirklich dick macht.
Was Kohlenhydrate im Körper tun
Kohlenhydrate gehören zu den drei Makronährstoffen, zusammen mit Fetten und Proteinen.
Ihre Kernaufgabe: Energie liefern und das schnell und effizient.
Nervensystem, Gehirn, Grundstoffwechsel (Atmung, Herzschlag, Kreislauf) greifen bevorzugt auf Energie durch Kohlenhydrate zurück.
Für Sporthunde, die kurzfristig viel Energie abrufen müssen, sind Kohlenhydrate besonders wertvoll. Sie stehen dem Körper schneller zur Verfügung als Fette oder Proteine.
Und dann sind da noch die Ballaststoffe. Technisch gesehen unverdauliche Kohlenhydrate. Sie fördern die Darmgesundheit, ernähren nützliche Bakterien im Mikrobiom und erhöhen das Sättigungsgefühl. Wer seinen Hund mit Gemüse, Hafer oder Hülsenfrüchten füttert, gibt ihm damit nicht nur Energie, sondern echte Verdauungsunterstützung.
Mehr zum Thema Ballaststoffe findest du hier.
"Hunde brauchen keine Kohlenhydrate" aber stimmt das wirklich?
Formal: ja.
Kohlenhydrate gelten nicht als essenziell, weil Hunde Glukose auch selbst herstellen können. Über die sogenannte Glukoneogenese synthetisiert der Körper Glukose aus anderen Quellen, vor allem aus Aminosäuren, also Proteinen.
Aber: nicht essenziell bedeutet nicht nutzlos.
Wenn Kohlenhydrate die Energieversorgung übernehmen, können Proteine das tun, wofür sie eigentlich gedacht sind: das Immunsystem stärken, Zellen aufbauen, Enzyme und Muskeln versorgen.
Die Energiegewinnung aus Proteinen ist außerdem schlicht ineffizient. Beim Abbau entstehen Stickstoffreste, die extra verstoffwechselt und ausgeschieden werden müssen. Das kostet den Körper Ressourcen, die er sich spart, wenn genug Kohlenhydrate im Futter sind.
Ein unterschätzter Zusammenhang: Protein, Phosphor und die Nieren
In der Ernährungsberatung sehe ich ein Muster, das mich beschäftigt: Viele ältere Hunde, die jahrelang mit sehr proteindichtem Futter oder purem Rohfleisch ernährt wurden, entwickeln im Seniorenalter Nierenprobleme.
Tierisches Protein bringt immer auch viel Phosphor mit. Phosphor muss über die Nieren ausgeschieden werden. Jahrelang viel Phosphor bedeutet jahrelange renale Mehrbelastung. Mit zunehmendem Alter sinkt die Nierenfunktion physiologisch. Dann treffen altersbedingte Einschränkungen auf Nieren, die nie wirklich Pause hatten.
Ein ausgewogenes Futter mit Kohlenhydraten hält die Phosphorlast moderat und gibt den Nieren Spielraum. Pflanzliche Zutaten haben dabei einen zusätzlichen Vorteil: Phosphor aus pflanzlichen Quellen ist teilweise an Phytate gebunden und damit weniger bioverfügbar als tierischer Phosphor. Die Nieren müssen schlicht weniger davon verarbeiten.
Ich formuliere das bewusst vorsichtig. Das ist eine Beobachtung aus der Praxis und ein bekannter ernährungsphysiologischer Mechanismus. Ein Zusammenhang, der in meiner Arbeit immer wieder auftaucht.
Was macht Hunde wirklich dick?
Das Übergewichtsproblem hat ernährungsphysiologisch betrachtet eine einzige Ursache: Die Energiezufuhr ist größer als der Energieverbrauch.
Das klingt banal. Aber es bedeutet: Ein bestimmtes Futter macht keinen Hund automatisch dick. Zu viel davon schon. Und in der Praxis summieren sich oft die unscheinbaren Dinge: die täglichen Leckerlis, der Kauartikel zwischendurch, die Portion, die "gefühlt passt", aber nie nachgewogen wurde.
Dazu kommen individuelle Faktoren wie Kastration (der Energiebedarf sinkt danach deutlich), Alter (Senioren brauchen weniger Kalorien) und zu wenig Bewegung.
Ein Trockenfutter mit Kohlenhydraten als Übergewichtsursache zu nennen, greift zu kurz. Jedes Futter, dauerhaft zu viel gefüttert, führt zur Gewichtszunahme.
Kohlenhydrate sind nicht alle gleich
Ein berechtigter Einwand bleibt: Die Qualität der Kohlenhydrate spielt eine Rolle.
Stärke aus Getreide, Kartoffeln oder Hülsenfrüchten ist gut verdaulich und liefert dem Körper verlässlich Energie. Ballaststoffe aus Gemüse, Hafer oder Obst ernähren das Darmmikrobiom, fördern eine gesunde Verdauung und erhöhen das Sättigungsgefühl.
Das ist ernährungsphysiologisch etwas anderes als zugesetzte Einfachzucker die viel Energie aber kaum Mehrwert bringen.
Ein gutes Hundefutter nutzt Kohlenhydrate bewusst: als schnelle und effiziente Energiequelle und als Futter für eine gesunde Darmflora.
Was ich mir für deinen Hund wünsche
Kohlenhydrate gehören in einen ausgewogenen Futternapf, weil sie dem Körper echte Arbeit abnehmen, Energie auf effizientem Weg liefern, Proteine für ihre eigentlichen Aufgaben freihalten, die Darmgesundheit unterstützen und die Phosphorlast für die Nieren moderat halten.
Was Hunde gesund hält, ist ein Futter, das alle Nährstoffe in sinnvoller Balance kombiniert. Kohlenhydrate eingeschlossen.